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Predigt von Präses Nikolaus Schneider

im Gottesdienst des Kreiskirchentages
des Kirchenkreises Altenkirchen
am 29. August 2010

über 1. Johannes 4, 7 – 12

Von der Liebe, liebe Gemeinde,
wird gesungen, gedichtet, geträumt und erzählt.
Liebe macht uns Lachen und Weinen,
lässt uns tanzen und jauchzen vor Lebensfreude
und stürzt uns in tiefste Verzweiflung und Todessehnsucht!

Liebe ist Thema in Schnulzen und Tragödien. Aber:
Liebe ist auch ein wichtiges, das ganz entscheidende Thema der Bibel!

„Liebe“ beschreibt in der Bibel die Leben-bestimmende und die Leben-entscheidende Beziehung Gottes zu uns Menschen, von uns Menschen zu Gott und von uns Menschen untereinander. Wunderschöne Lieder,  „Hohe Lieder der Liebe“, finden wir in der Bibel.
Denn mit der Liebe geht es uns Menschen im Grunde wie mit Gott:
Wenn wir sie in unserem Leben erfahren, dann können wir nicht einfach nur „schweigend genießen“ oder unsere Erfahrungen wie einen toten Schatz im Acker vergraben. Wenn wir Gott und wenn wir die Liebe erfahren, dann laufen uns Herz und Mund über! Dann wollen wir unsere Erfahrungen mitteilen und miteinander teilen. Dann möchten wir singen und feiern, weil sich uns der Himmel aufgetan hat!

„Der Himmel geht über allen auf“-
das ist deshalb ein ganz wunderbares Motto für einen Kreiskirchentag, der die Liebe Gottes verkünden und erfahren lassen will. 
Und das „Hohe Lied der Liebe“ aus dem 1. Johannesbrief ist deshalb ein wunderbarer Predigttext für diesen Festgottesdienst:
„Ihr Lieben, lasst uns untereinander lieb haben;
denn die Liebe ist von Gott,
und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht;
Denn Gott ist die Liebe.

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt,
damit wir durch ihn leben sollen.
Darin besteht die Liebe:
nicht dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat
und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt,
so sollen wir uns auch untereinander lieben.

Niemand hat Gott jemals gesehen.
Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns,
und seine Liebe ist in uns vollkommen.“
 

Zum Ersten:
Kein Mensch hat Gott jemals gesehen -
die Liebe aber schenkt uns Gottes-Erkenntnisse und Gottes-Erfahrungen!

„Wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht“,
schreibt Johannes und begründet diesen Weg der Gotteserkenntnis mit der kurzen und knappen Feststellung:
„denn Gott ist die Liebe.“

Gott ist die Liebe. –
Ein kurzer Satz und in dieser Kürze auch ein missverständlicher Satz.
Als würde ein „lieber Gott“ dafür sorgen, dass seinen Menschenkindern auf dieser Erde nur Liebes und niemals Böses widerfährt.
Johannes selbst macht deshalb mit dem folgenden Vers klar:

Die Liebe, in der wir Menschen Gott begegnen und erkennen,
diese Liebe ist kein subjektives Wohl-Gefühl,
vor allem keine romantische „Gefühlsduselei“.
Die Liebe, in der wir Menschen Gott erfahren können,
ist eine konkrete Liebes-Geschichte in Raum und Zeit,
ist die Geschichte des Gottessohnes Jesus von Nazareth.

„Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen“,
schreibt Johannes.

Gott, der Ewige, ist „als Liebe“
in dem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi für uns Menschen hörbar, fühlbar und erfahrbar geworden.

Gott ist die Liebe. –
Dieser kurze Satz darf nicht von der Geschichte Jesu Christi getrennt werden. Sonst verkommt er zu einer leeren Phrase und zu weltfremder Frömmelei.

Gott ist die Liebe. –
Dieser Satz darf das Leiden und Sterben des Gottessohnes am Kreuz nicht ausblenden.
Sonst kann dieser Satz all dem Leiden und Sterben von Menschen in unserer Welt nicht standhalten, nicht in Pakistan, nicht in Afghanistan, nicht in Haiti und auch nicht in unserem Land….

Die Liebesgeschichte Gottes durch das Leben Jesu Christi bewahrt uns davor,
die Liebe Gottes gleich zu setzen mit der Garantie eines leidfreien, schönen und erfolgreichen irdischen Lebens.
Es hätte für Jesus kein Ostern ohne den Karfreitag geben können.
Und es gibt auch für uns kein Leben und keine Liebe ohne Kreuzeserfahrungen. Das Licht des Ostermorgens aber schenkt uns bis heute die Kraft, unseren Glauben an Gottes Gegenwart und Liebe auch im Leiden nicht preiszugeben.
In unserem Glauben an den Auferstandenen
erkennen und bekennen wir:
Gott ist die Liebe!
Nicht vollmundig schreiend und auch nicht triumphierend,
sondern getrost und tröstend
setzen wir diese Gotteserkenntnis
allen Todeserfahrungen dieser Welt entgegen.
 

Zum Zweiten:
Gott hat uns zuerst geliebt -
als Geliebte sind wir Liebende
und machen so Gott der Welt erfahrbar.

„Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat…
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns untereinander lieben…
Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“,
heißt es in dem „Hohen Lied der Liebe“ aus dem Johannesbrief.

In unserem Geliebtwerden und in unserem Lieben
erlangen wir eine Ahnung von dem, was über unser begrenztes irdisches Leben hinausreicht.
In unserem Geliebtwerden und in unserem Lieben reicht Gottes Ewigkeit schon in unsere irdische Vergänglichkeit hinein!

Die Liebe „bleibt“, sagt der Apostel Paulus, so wie auch der Glaube und die Hoffnung. Aber die Liebe ist die Größte und Wichtigste von diesen Dreien.
Das können wir nur begrenzt erklären.
Das können und müssen wir als Geliebte und als Liebende erleben und bezeugen!
Die Liebe Gottes, die uns in der Geschichte Jesu Christi offenbar wurde,
diese Liebe fragt nicht nach Konfession oder Hautfarbe,                                                            
nicht nach Weltanschauung oder Parteibuch, nicht nach Bankkonto oder gesellschaftlicher Position.
Der Himmel geht über allen auf!
In der Gewissheit, von Gott ohne Vorbedingung und ohne Vorleistungen geliebt zu sein, werden auch wir frei für ein Grenzen-überschreitendes Lieben.
Wir müssen nicht mehr fragen und nicht mehr berechnen „was bringt es mir?“.
Wir müssen nicht mehr überheblich oder unsicher auf vermeintlich angemessene Reaktionen auf unsere Zuwendung warten.
Als geliebte Gottes sind wir frei, unsere Liebe unbegrenzt zu verschenken;
mögen Skeptiker doch ruhig von „verschwenden“ oder gar von „vergeuden“ sprechen.
Von der großen Liebesgeschichte  Gottes in Jesus Christus haben wir es gelernt:
Gott ist Liebe, die nicht sortiert, die nicht misst und nicht rechnet.
Gott ist Liebe, die allen Menschen gilt.
Der Himmel geht über allen auf!

Setzen wir also heute und an allen Tagen
- wie Hanns Dieter Hüsch -
in Gottes Namen auf die Liebe:

„Ich setze auf die Liebe
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu entfernen
Bis wir bereit sind zu lernen
Dass Macht Gewalt Rache und Sieg
Nichts anderes bedeuten als ewiger Krieg
Auf Erden und dann auf den Sternen

Ich setze auf die Liebe
Wenn Sturm mich in die Knie zwingt
Und Angst in meinen Schläfen buchstabiert
Ein dunkler Abend mir die Sinne trübt
Ein Freund im anderen Lager singt
Ein junger Mensch den Kopf verliert
Ein alter Mensche den Abschied übt

Ich setze auf die Liebe
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu vertreiben
Ihn immer neu zu beschreiben
Die einen sagen es läge am Geld
Die andern sagen es wäre die Welt
Sie läge in den falschen Händen

Jeder weiß besser woran es liegt
Doch hat noch niemand den Hass besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden
Er kann mir sagen was er will
Er kann mir singen wie er`s meint
Und mir erklären was er muss
Und mir begründen wie er`s braucht
Ich setze auf die Liebe! Schluss!
                                                                             (  Hüsch, Das Schwere leicht gesagt, Herder Freiburg, S. 106f )

Amen